Kammertbau in Edenkoben

Der Kammertbau gehört zu den ältesten historischen Erziehungsformen des Weinbaus in der Pfalz und war besonders in Edenkoben weit verbreitet.
Diese besondere Bauweise prägte über Jahrhunderte das Landschaftsbild der Weinberge rund um den Ort und gilt heute als bedeutendes Zeugnis traditioneller Weinbaukultur.
Entlang des Edenkobener Weinlehrpfad befindet sich noch heute ein historischer Nachbau dieser alten Rebenerziehung.

Der Begriff „Kammertbau“ leitet sich vom lateinischen Wort camera ab, was „Kammer“ bedeutet.
Die Römer brachten diese Bauweise vermutlich bereits in die Pfalz. Besonders in Edenkoben entwickelte sich daraus eine eigenständige und aufwendige Form der Reberziehung.

Grundaufbau eines Wingerts im Kammertbau

Ein Wingert im Edenkobener Kammertbau bestand aus einem niedrigen Holzgerüstsystem, das den Reben Halt gab und gleichzeitig eine geordnete Bewirtschaftung ermöglichte.
Die Anlage bestand aus:

  • senkrechten Holzpfählen
  • längs verlaufenden Tragholzern
  • quer verlaufenden Balken
  • sogenannten Trudelbalken
  • Weidenbändern zur Verbindung der Holzteile

Die gesamte Konstruktion wurde überwiegend aus Kastanienholz gefertigt, da dieses Holz besonders widerstandsfähig gegen Feuchtigkeit und Fäulnis war. Metallnägel wurden ursprünglich kaum verwendet. Die Verbindung erfolgte fast ausschließlich mit geflochtenen Weidenruten.

Die „Kammern“ des Wingerts

Charakteristisch für den Kammertbau waren die einzelnen rechteckigen Felder oder „Kammern“, die durch das Holzgerüst entstanden.
Eine typische Kammer besaß:

  • etwa 1,10 Meter Abstand zwischen den Stützen
  • ungefähr 80 Zentimeter Höhe
  • schmale Rebzeilen mit engen Pflanzabständen

Die Reben wuchsen nicht senkrecht wie im heutigen Drahtrahmenbau, sondern wurden waagerecht über die Holzbalken geführt. Dadurch entstand ein geschlossenes Rebendach.
Die Anordnung erinnerte optisch an ein niedriges Holzgitter oder an kleine offene Räume — daher die Bezeichnung „Kammerbau“.

Die Edenkobener Besonderheit

Die Edenkobener Form des Kammertbaus galt als besonders aufwendig. Historische Beschreibungen unterscheiden ausdrücklich zwischen einfacheren Formen in anderen Orten und der komplizierteren „Edenkobener Erziehungsart“. Typisch waren zusätzliche Quer- und Trudelbalken, die dem Aufbau mehr Stabilität verliehen.
Dadurch entstand:

  • eine größere Tragfähigkeit
  • bessere Führung der Reben
  • eine dichtere Laubstruktur
  • höherer Schutz der Trauben vor Wind und Sonne

Diese Konstruktion verlangte jedoch viel Handarbeit und ständige Pflege.

Aufbau der Rebflächen

Mehrere solcher Kammern bildeten gemeinsam einen sogenannten „Schemel“. Zwischen den einzelnen Anlagen verliefen schmale Graswege.
Diese Wege dienten:

  • dem Materialtransport
  • dem Zugang zur Pflege der Reben
  • dem Transport der Trauben bei der Weinlese

Da die Anlagen niedrig gebaut waren, mussten viele Arbeiten gebückt oder kniend durchgeführt werden. Der Weinbau war dadurch körperlich sehr anstrengend.

Materialien im historischen Kammertbau

Im traditionellen Edenkobener Kammertbau wurden ausschließlich natürliche Materialien verwendet.
Verwendete Materialien:

  • Kastanienholz
  • Eichenholz
  • Weidenruten
  • Naturfasern
  • handgefertigte Holzpfähle

Die Materialien stammten überwiegend aus der unmittelbaren Umgebung des Pfälzerwaldes.

Vorteile des Kammertbaus

Der historische Kammertbau besaß mehrere Vorteile für den damaligen Weinbau:

Klimatische Vorteile

  • gute Wärmespeicherung nahe am Boden
  • Schutz der Reben vor starkem Wind
  • gleichmäßige Sonneneinstrahlung

Landwirtschaftliche Vorteile

  • stabile Führung der Reben
  • gute Nutzung kleiner Rebflächen
  • hohe Traubenerträge

Landschaftliche Vorteile

  • charakteristisches Erscheinungsbild
  • harmonische Einbindung in die Weinlandschaft
  • prägend für das historische Ortsbild Edenkobens

Nachteile und Ende des Kammertbaus

Mit der Einführung von Metalldraht im 19. Jahrhundert begann der Wandel im Weinbau. In Edenkoben legte der Weingutsbesitzer Gustav Adolf Froelich in den 1860er Jahren einen der ersten Drahtwingerte an. Damit begann der Übergang zum modernen Spalier- und Drahtrahmenbau.
Der moderne Weinbau bot entscheidende Vorteile:

  • einfachere Bearbeitung
  • weniger Holzbedarf
  • bessere Mechanisierung
  • Einsatz von Zugtieren und später Maschinen
  • leichtere Pflege der Rebzeilen

Dadurch verschwand der traditionelle Kammertbau nach und nach fast vollständig.

Der historische Kammertbau heute

In Edenkoben erinnert heute eine rekonstruierte Anlage am Edenkobener Weinlehrpfad an diese alte Form des Weinbaus. Die Anlage wurde erneuert und dient als Anschauungsobjekt für Besucher und Weininteressierte.
Sie zeigt eindrucksvoll:

  • den historischen Aufbau eines Wingerts
  • die traditionelle Reberziehung
  • die Arbeitsweise früherer Winzer
  • die Entwicklung des Weinbaus in der Pfalz

Der Kammertbau gilt heute als wichtiger Bestandteil der Weinbaugeschichte und als kulturelles Erbe der Region Edenkoben.


Google MAP Historischer Kammertbau, Villastraße 7, 67480 Edenkoben


Die Anlage "Historischer Kammertbau" am großen Kelterplatz wurde erneuert.
"Nachzuchtreben" wurden gepflanzt. Sie sollen den uralten Rebstöcken zu neuem Grün verhelfen.

Die Paten: Jürgen Alter, Bernd Haunstetter und Marcus Schreieck